Das Paul-Gerhardt-Haus

Geschichte

Der Bauplatz
Ehemalige Sandgrube und alter Friedhof, um 1850 Ehemalige Sandgrube und alter Friedhof, um 1850

Während zunächst, d. h. in den Jahren des Kirchbaus 1898–1900, davon aus­gegangen wurde, dass ein zukünftig einmal zu bauendes Gemeinde­haus auf den noch heute freien Platz Ecke Selnecker-/Similden­straße, gegenüber dem Kirchen­eingang gebaut werden soll (unser Kir[s]chgarten ist Teil dieser Fläche), wurde dann doch die Ecke Selnecker-/Brand­straße hinter und unterhalb der Kirche zum Bauplatz erwählt.

Dieser tiefergelegene Platz ist ursprüng­lich einmal eine Sandgrube gewesen, die nicht mehr als solche genutzt wurde, als man sich bis an den östlich/ober­halb davon gelegenen alten Friedhof – auf dem später die neue Kirche gebaut wurde – heran­gearbeitet hatte.

Turnplatz vor der Sandgrube, um 1900 Turnplatz vor der Sandgrube, um 1900

Danach wurde dieser Platz zu einem Sportplatz umgestaltet, der aber, ver­mut­lich im Zusammen­hang mit dem Bau der Sportanlage Teichstraße, Anfang des 20. Jahr­hunderts aufgegeben wurde.

Zwischen der Gemeinde und dem Sport­verein hat es enge Beziehungen gegeben, wurde doch der untere Saal für eine Mit­nutzung als Turnhalle konzipiert und auch als solche eingerichtet.

Erste Entwürfe
Erster Gemeindehaus-Entwurf an der Selneckerstraße Erster Gemeindehaus-Entwurf an der Selneckerstraße

Es hätte auch anders kommen können: Dann stünde auf der Grünfläche vor unserem heutigen Paul-Gerhardt-Haus ein schlichteres Gebäude direkt an der Selnecker­straße. Der Zimmer­meister und stell­vertretende Vor­sitzende des Kirchen­vorstands Karl Nöllert hatte am 20. Novem­ber 1921 Pläne und statische Berech­nungen für einen Notbau eines Gemeinde­hauses »auf dem der hiesi­gen Kirch­gemeinde gehörigen Flur­stücke« als Bauantrag eingereicht. An einen 10 × 18 Meter großen Saal in Fachwerk­bauweise mit Bretter­verscha­lung sollte sich ein massiv in 36er Mauerwerk auf­geführter zwei­geschossiger Anbau fügen, mit Unterrichts­räumen im Erd- und einer Drei­zimmer­wohnung im Obergeschoss.

Turnplatz vor der Sandgrube, um 1900 Turnplatz vor der Sandgrube, um 1900

Auf behördlicher Seite fand der Entwurf des Zimmer­meisters wenig Anklang, er­innerte das Erscheinungsbild wohl eher an das Vereinsheim einer Schreber­garten­kolonie. Im Ergebnis forderte der Stadt­baumeister, »dem Notbau … ein gefälligeres, seiner Lage und Umgebung angepasstes Aussehen zu geben.« Wenig später lieferte das zu­ständige Stadt­erweiterungs­amt selbst einen Gegen­vorschlag, den der von gemeind­licher Seite hinzu­gezogene Architekt Gustav Steinert im Mai 1922 wiederum überarbeitete. So erhielt die biedere Putz­fassade mit ihren einfachen Fenster­einschnitten nun im Art-Déco-Stil gestaltete Tür- und Fenster­rahmungen. Der Gemeinde­saal konnte über drei zweiflüglige Türen mit einem weiteren Raum verbunden werden. Es gab eine Garderobe, Toiletten und einen kleinen Raum im Parterre, während im Ober­geschoss wiederum eine (Dienst-)Wohnung vorgesehen war.

Aus heutiger Sicht ist es ein großer Ge­winn, dass das Eck­grundstück zur Brand­straße als öffent­liche Grün­fläche un­bebaut erhalten geblieben ist, und dass mit dem nur fünf Jahre später errich­teten Art-Déco-Bau von Architekt Richard Wagner an der Brand­straße eines der größten und architek­tonisch interes­san­testen evange­lischen Gemeinde­häuser in Leipzig ent­stand. »Weil die Errich­tung des geplanten Notbaus eines Gemeinde­hauses infolge der inzwischen ein­getrete­nen furcht­baren Verteuerung derzeit nicht aus­zuführen ist«, wurde das 1921 von Kirchen­vorstand Nöllert ein­gereichte Konzes­sions­gesuch per Schreiben vom 16.12.1922 zurück­gezogen.

Einweihung des Hauses 1927
Programm zur Einweihung des Gemeindehauses am 6. November 1927 Programm zur Einweihung des Gemeindehauses am 6. November 1927

Die Einweihung des neuen Gemeindehauses fand am 6. November 1927 statt.
Hiervon ist im Kirchenarchiv der Programmzettel erhalten.

Leipziger Abendpost vom 7. November 1927 Leipziger Abendpost vom 7. November 1927

Und schließlich ist auch dieser Artikel der Leipziger Abendpost vom 7. November 1927 informativ und lesenswert!

Umbenennung

Im Kirch­weih-Jubiläums­jahr 2000 wurde das Connewitzer Gemeindehaus feierlich in „Paul-Gerhardt-Haus" umbenannt.

Neuere Baumaßnahmen

In den Jahren ab 2010 wurden die in den fünfziger Jahren ein­gebauten Zwischen­wände entfernt, der untere Saal entstand wieder denkmal­gerecht, und der Zuschnitt der Neben­räume wurde den aktuellen Bedürf­nissen angepasst. Rundherum konnten die Fenster saniert werden, d. h. sie besitzen heute eine Dreifach­verglasung.

In den Jahren 2015 und 2016 wurde der dreieckige Vortreppen­sockel am Haupt­eingang deutlich vergrößert und von ihm aus zur Brand­straße hin eine für Rollstühle geeignete schiefe Ebene gebaut, so dass das Haus jetzt barrierefrei zu erreichen ist. In diesem Zug wurde auch das Steildach neu gedeckt, der große Saal nach oben hin wärme­isoliert, und Wasser­schäden in den Vorsälen verschwanden. Diese Arbeiten waren durch ein Vermächtnis möglich geworden.

In Vorbereitung der Bundes­tags­wahl 2021 wurde die Sanierung und teil­weise Pflasterung des unteren Zugangs­weges zum Paul-Gerhardt-Haus realisiert. Das Haus war von der Stadt Leipzig erst­malig zum Wahl­lokal bestimmt worden. Mit den Wege­arbeiten in der denkmal­geschützten Grün­anlage Ecke Brand- und Selnecker­straße erfolgte ein kleiner, weiterer Schritt hin zum (verkürzten) barriere­freien Zugang. Auch die Kante am oberen Fuß­weg wurde beseitigt.

Der Zugang zum Paul-Gerhardt-Haus Der Zugang zum Paul-Gerhardt-Haus