Das Paul-Gerhardt-Haus
Geschichte
Der Bauplatz
Während zunächst, d. h. in den Jahren des Kirchbaus 1898–1900, davon ausgegangen wurde, dass ein zukünftig einmal zu bauendes Gemeindehaus auf den noch heute freien Platz Ecke Selnecker-/Simildenstraße, gegenüber dem Kircheneingang gebaut werden soll (unser Kir[s]chgarten ist Teil dieser Fläche), wurde dann doch die Ecke Selnecker-/Brandstraße hinter und unterhalb der Kirche zum Bauplatz erwählt.
Dieser tiefergelegene Platz ist ursprünglich einmal eine Sandgrube gewesen, die nicht mehr als solche genutzt wurde, als man sich bis an den östlich/oberhalb davon gelegenen alten Friedhof – auf dem später die neue Kirche gebaut wurde – herangearbeitet hatte.
Danach wurde dieser Platz zu einem Sportplatz umgestaltet, der aber, vermutlich im Zusammenhang mit dem Bau der Sportanlage Teichstraße, Anfang des 20. Jahrhunderts aufgegeben wurde.
Zwischen der Gemeinde und dem Sportverein hat es enge Beziehungen gegeben, wurde doch der untere Saal für eine Mitnutzung als Turnhalle konzipiert und auch als solche eingerichtet.
Erste Entwürfe
Es hätte auch anders kommen können: Dann stünde auf der Grünfläche vor unserem heutigen Paul-Gerhardt-Haus ein schlichteres Gebäude direkt an der Selneckerstraße. Der Zimmermeister und stellvertretende Vorsitzende des Kirchenvorstands Karl Nöllert hatte am 20. November 1921 Pläne und statische Berechnungen für einen Notbau eines Gemeindehauses »auf dem der hiesigen Kirchgemeinde gehörigen Flurstücke« als Bauantrag eingereicht. An einen 10 × 18 Meter großen Saal in Fachwerkbauweise mit Bretterverschalung sollte sich ein massiv in 36er Mauerwerk aufgeführter zweigeschossiger Anbau fügen, mit Unterrichtsräumen im Erd- und einer Dreizimmerwohnung im Obergeschoss.
Auf behördlicher Seite fand der Entwurf des Zimmermeisters wenig Anklang, erinnerte das Erscheinungsbild wohl eher an das Vereinsheim einer Schrebergartenkolonie. Im Ergebnis forderte der Stadtbaumeister, »dem Notbau … ein gefälligeres, seiner Lage und Umgebung angepasstes Aussehen zu geben.« Wenig später lieferte das zuständige Stadterweiterungsamt selbst einen Gegenvorschlag, den der von gemeindlicher Seite hinzugezogene Architekt Gustav Steinert im Mai 1922 wiederum überarbeitete. So erhielt die biedere Putzfassade mit ihren einfachen Fenstereinschnitten nun im Art-Déco-Stil gestaltete Tür- und Fensterrahmungen. Der Gemeindesaal konnte über drei zweiflüglige Türen mit einem weiteren Raum verbunden werden. Es gab eine Garderobe, Toiletten und einen kleinen Raum im Parterre, während im Obergeschoss wiederum eine (Dienst-)Wohnung vorgesehen war.
Aus heutiger Sicht ist es ein großer Gewinn, dass das Eckgrundstück zur Brandstraße als öffentliche Grünfläche unbebaut erhalten geblieben ist, und dass mit dem nur fünf Jahre später errichteten Art-Déco-Bau von Architekt Richard Wagner an der Brandstraße eines der größten und architektonisch interessantesten evangelischen Gemeindehäuser in Leipzig entstand. »Weil die Errichtung des geplanten Notbaus eines Gemeindehauses infolge der inzwischen eingetretenen furchtbaren Verteuerung derzeit nicht auszuführen ist«, wurde das 1921 von Kirchenvorstand Nöllert eingereichte Konzessionsgesuch per Schreiben vom 16.12.1922 zurückgezogen.
Umbenennung
Im Kirchweih-Jubiläumsjahr 2000 wurde das Connewitzer Gemeindehaus feierlich in „Paul-Gerhardt-Haus" umbenannt.
Neuere Baumaßnahmen
In den Jahren ab 2010 wurden die in den fünfziger Jahren eingebauten Zwischenwände entfernt, der untere Saal entstand wieder denkmalgerecht, und der Zuschnitt der Nebenräume wurde den aktuellen Bedürfnissen angepasst. Rundherum konnten die Fenster saniert werden, d. h. sie besitzen heute eine Dreifachverglasung.
In den Jahren 2015 und 2016 wurde der dreieckige Vortreppensockel am Haupteingang deutlich vergrößert und von ihm aus zur Brandstraße hin eine für Rollstühle geeignete schiefe Ebene gebaut, so dass das Haus jetzt barrierefrei zu erreichen ist. In diesem Zug wurde auch das Steildach neu gedeckt, der große Saal nach oben hin wärmeisoliert, und Wasserschäden in den Vorsälen verschwanden. Diese Arbeiten waren durch ein Vermächtnis möglich geworden.
In Vorbereitung der Bundestagswahl 2021 wurde die Sanierung und teilweise Pflasterung des unteren Zugangsweges zum Paul-Gerhardt-Haus realisiert. Das Haus war von der Stadt Leipzig erstmalig zum Wahllokal bestimmt worden. Mit den Wegearbeiten in der denkmalgeschützten Grünanlage Ecke Brand- und Selneckerstraße erfolgte ein kleiner, weiterer Schritt hin zum (verkürzten) barrierefreien Zugang. Auch die Kante am oberen Fußweg wurde beseitigt.