Nicht sprachlos sein
Juni 2025 | Südcafé Leipzig
Für mich ist das Südcafé ein wichtiger Teil von Leipzig geworden – ein Ort, der mir geholfen hat, mich hier zuhause zu fühlen. Man findet dort immer Unterstützung, gute Gespräche und leckeren Kuchen. Wenn ich dienstags oder donnerstags frei habe, komme ich gerne vorbei. Ich mag es, zu plaudern, neue Leute kennenzulernen und dabei meinen Minz- oder Schwarztee zu trinken.
Eine neue Sprache zu lernen, kostet viel Kraft und Zeit. Sprachlos zu sein macht keinen Spaß – und als ich das erste Mal ins Südcafé kam, konnte ich kaum Deutsch. Ich fühlte mich einsam und verloren. Umso überraschter war ich, wie geduldig und aufmerksam mir zugehört wurde. Mein erstes Gespräch auf Deutsch außerhalb des Sprachkurses hat tatsächlich geklappt – was für eine Aufregung! Die Angst, Deutsch zu sprechen, konnte ich nach und nach überwinden. Dank des Südcafés fühle ich mich heute viel freier. Einige Menschen, die ich hier kennengelernt habe, kann ich mittlerweile als Freunde bezeichnen – das bedeutet mir sehr viel.
Das Südcafé ist für mich ein Beispiel für gelebte Toleranz und ein Beweis dafür, dass ein respektvolles und angenehmes Zusammenleben möglich ist. Viele Stereotype wurden hier durch echte Begegnungen aufgebrochen. Die Gespräche mit den Teilnehmer:innen haben mich tief geprägt – ich habe viel über verschiedene Kulturen, Lebensgeschichten und Länder gelernt: wie Menschen Krieg und Gewalt erlebt haben, warum sie ihre Heimat verlassen mussten, wie sie Widerstand in autoritären Ländern geleistet haben, wie sehr sie ihre Familien vermissen und sich gleichzeitig an ein neues Leben gewöhnen müssen.
Natürlich gibt es auch viele Menschen, die nach Deutschland gekommen sind, um zu arbeiten oder zu studieren. Doch auch sie erzählen von bürokratischen Hürden und alltäglichen Herausforderungen. Migration ist auf jeden Fall kein Spaziergang.
Durch das Südcafé habe ich noch einmal intensiv über Menschenrechte und Demokratie nachgedacht – und darüber, was sie für mich persönlich bedeuten. Einige Begegnungen und Gespräche haben mich dazu motiviert, mich stärker in Leipzig zu engagieren. Das Südcafé hat mir gezeigt, wie vielfältig, offen und herzlich Leipzig und Deutschland sein können.
Die Gemeinschaft im Südcafé hat mich glücklicher gemacht – dafür bin ich sehr dankbar.
Ilia Zernov ist Bundesfreiwilligendienstleistender in einer Kindestagesstätte und seit 2024 regelmäßiger Gast im Südcafé. Außerdem hat er 2025 für den Leipziger Migrantinnen- und Migrantenbeirat kandidiert.