Gesprächsabende im Herbst

Kirche – wohin?

Ein kleiner Anhang zu den Gesprächsabenden im Herbst

»Kirche – wohin?« – unter diesem Motto fanden im Herbst drei Gesprächsabende in der Peterskirche statt. Geplant waren eigentlich fünf, wie es Tradition ist, aber als die Inzidenzen stiegen, mussten wir die letzten beiden Abende leider absagen.

Als kleinen Ersatz versuche ich Ihnen die Gedanken, die mir in der Vorbereitung des letzten Abends einfielen, in komprimierter Form zu präsentieren.
Das Thema dieses letzten Abends lautete: »Feiern, was stärkt und verbindet. Kirche als Gemeinschaft im Glauben und Leben«.

Es geht also erstens um die Kirche als Ort, an dem Gemeinschaft erlebt wird, und zweitens um die Kirche als Ort, an dem gefeiert wird. Beides scheint mir für die Zukunft der Kirche von zentraler Bedeutung zu sein.

Wie wichtig die Kirche gerade heutzutage als Ort der Gemeinschaft ist, lässt sich im Umkehrschluss daran erkennen, wie groß das Problem der Einsamkeit gesamtgesellschaftlich geworden ist. Diana Kinnert hat dazu vor einem Jahr ein ganzes Buch geschrieben („Die neue Einsamkeit“), das auf sehr eindrückliche Weise aufzeigt, wie das Phänomen der Einsamkeit als ungewollte, aber notwendige Folge bestimmter gesellschaftlicher und wirtschaftlicher Entwicklungen (besonders einleuchtendes Beispiel: die Digitalisierung) immer mehr Menschen betrifft.

Natürlich muss man immer vorsichtig sein, wenn gegenwärtige gesellschaftliche Entwicklungen auf ein bestimmtes Schlagwort zugespitzt werden, das dann alles erklären soll. Aber dass das Problem der Einsamkeit immer mehr an Bedeutung gewinnt, zeigen ja viele Studien, und nicht umsonst hat die britische Regierung 2018 den Posten einer »Staatssekretärin für Einsamkeit« geschaffen.

Photo by Hannah Busing on unsplash

Die christliche Kirche hat in ihrer Geschichte immer schon Wert darauf gelegt, dass in ihr eine Gemeinschaft praktiziert wird, in der jede und jeder willkommen ist und in der soziale Grenzen überwunden werden. Besonders eindrücklich ist das Miteinander von Sklaven und Herren in den urchristlichen Gemeinden, wovon etwa Galater 3,28 spricht: „Hier ist nicht Jude noch Grieche, hier ist nicht Sklave noch Freier, hier ist nicht Mann noch Frau; denn ihr seid allesamt einer in Christus Jesus.“

Diese Gemeinschaft wurde von Anfang an einerseits in der Feier des Gottesdiensts erlebbar, sie erstreckte sich aber auch auf den Alltag, wenn etwa in der Jerusalemer Urgemeinde eine Versorgung der griechischen Witwen organisiert wurde oder grundsätzlich Besitztümer geteilt wurden.

Wenn man die Kirchengeschichte verfolgt, zeigt sich, dass große innovative Aufbrüche oft mit besonderen Gemeinschaftsformen verbunden waren: Die Klöster, die im 4. Jahrhundert entstanden und im Mittelalter die gesamte westliche Kirche geprägt haben, sind ein gutes Beispiel, aber auch die Reformation mit ihrer Neuentdeckung des Priestertums aller Getauften. Eine der eindrücklichsten Szenen aus dem Luther-Film mit Joseph Fiennes ist für mich der Moment, in dem Luthers Professorenkollege Karlstadt die Professorenrobe ablegt und die verdutzten Studierenden dazu auffordert, ihn ab sofort mit seinem Vornamen Andreas anzureden.

Zur Ehrenrettung der Katholischen Kirche sei freilich betont, dass auch dort der Gemeinschaft, wenn auch stärker hierarchisch gegliedert, ebenfalls und zwar bis heute eine zentrale Bedeutung zukommt. Mit ist das vor einigen Jahren bei einer Priesterweihe im Freiburger Münster sehr deutlich geworden: Die frisch geweihten Priester wurden in die Gemeinschaft der älteren Pfarrer aufgenommen und von jedem einzeln per Handschlag oder Umarmung begrüßt. Und da kamen nicht zehn oder zwanzig, sondern eher sechzig oder siebzig Amtsbrüder aus dem Chorraum des Münsters, nahezu die komplette Priesterschaft des Bistums war vertreten und jeder nahm sich Zeit für diesen Begrüßungsakt im Gottesdienst, der entsprechend lange dauerte.

Natürlich wurde auch die Primiz des katholischen Kollegen in seiner Heimatstadt Singen, wo ich zur gleichen Zeit als Vikar aktiv war, eine Woche später ein ganzes Wochenende lang gebührend gefeiert. Da konnte man als Protestant schon ein wenig neidisch werden. Aber nicht lange. Denn die Aufhebung des Priesterstands (ob mit oder ohne Zölibat) ist ein enormer Gewinn für das Miteinander in der Kirche und ein -Signal für die Wiedergewinnung jener urchristlichen Gemeinschaft, die ohne prinzipielle Hierarchien auskommt.
Dazu kommt, dass sich auch auf evangelischer Seite bis in die Gegenwart hinein eindrucksvolle Beispiele aufzählen lassen, wo profilierte Formen christlicher Gemeinschaft mit einer hohen Innovationskraft einher gingen, von der die ganze Kirche profitiert hat. Ich denke etwa an die Predigerseminare der Bekennenden Kirche unter der Leitung von Dietrich Bonhoeffer, der mit seinem Buch „Gemeinsames Leben“ eine Art Klosterregel dieser Predigerseminare geschrieben hat, bis heute ein Klassiker und lohnend zu lesen, schon allein wegen der spannenden Doppelthese: „Wer nicht allein sein kann, der hüte sich vor der Gemeinschaft. Wer nicht in der Gemeinschaft steht, der hüte sich vor dem Alleinsein.“
Aber auch die evangelischen oder ökumenischen Kommunitäten, die im 20. Jahrhundert gegründet wurden und oftmals nicht nur geistliche, sondern auch theologische und diakonische Zentren sind, fallen mir ein, etwa die Michaelsbruderschaft oder die Gemeinschaft von Taizé oder die Christus-Bruderschaft Selbitz.

Und schließlich ist die Vertiefung der ökumenischen Gemeinschaft an zahlreichen Orten, wie wir sie seit Jahrzehnten erleben und auch in Leipzig praktizieren, ein echter Hinweis darauf, dass wir die Kirchengeschichte auch in dieser Hinsicht nicht als Verfallsgeschichte lesen müssen.

Ich bin vielmehr überzeugt, dass wir auf einem guten Lernweg sind. Freilich auch auf einem Weg, auf dem noch einige Herausforderungen warten. Zwei davon will ich zum Schluss benennen:

  1. Die Fröhlichkeit und die Ausgelassenheit, die eine Feier auszeichnen, dürfen aus meiner Sicht in unserer Kirche noch deutlich öfter und deutlich mehr Raum bekommen. Dabei wird es schon genügend Kraft und Kreativität brauchen, um die Formate, die es gab, nach Corona wieder zu beleben. Vielleicht steckt darin aber auch eine Chance, dass wir unsere Formate genau daraufhin noch einmal überprüfen.
  2. Die Überwindung von sozialen Grenzen ist eine Herausforderung, die sich angesichts der Bildung und Verfestigung von Milieugrenzen, wie sie von Soziolog*innen seit Jahren diagnostiziert werden, ganz neu stellt. Wir dürfen den Anspruch, Kirche für alle zu sein, nicht aufgeben. Wenn sich die Angehörigen bestimmter kultureller und sozialer Milieus bei uns nicht wohlfühlen, liegt es nicht an ihnen, sondern an uns, die Formate zu hinterfragen, mit denen wir das Evangelium ins Gespräch bringen.
    Ich hätte diese Fragen zu gerne beim Gesprächsabend diskutiert. Vielleicht ergibt sich ja die Gelegenheit, dass wir sie an anderer Stelle miteinander vertiefen. Ich würde mich freuen.

Pfarrer Dr. Gerhard Bergner

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