Gemeindeblatt April/Mai
»Und Gott der HERR ließ aufwachsen aus der Erde allerlei Bäume, verlockend anzusehen und gut zu essen, und den Baum des Lebens mitten im Garten und den Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen.«
1. Mose 2,9
Ein Paradiesgarten, ein Baum des Lebens, ein Baum der Erkenntnis von Gut und Böse, ein Menschenpaar, eine Schlange und Gott: Das sind Figuren im biblischen Drama vom Beginn der Menschheit (1. Mose 2,4 – 3,24). Gott verbietet den Menschen, vom Baum der Erkenntnis zu essen. Sie werden von der Schlange überlistet und tun es trotzdem. Daraufhin legt Gott das Strafmaß fest: Die Schlange wird zum Kriechtier herabgestuft, die Frau wird fortan mit Schmerzen Kinder bekommen, und der Mann wird bei der Feldarbeit schwitzen und Verletzungen erleiden. Und warum? Weil sie vom Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen gegessen haben?
Für mich ist das Allermerkwürdigste an dieser Geschichte, dass die Menschen gerade von diesem Baum nicht essen durften. Es ist doch gut, zwischen Gut und Böse unterscheiden zu können! Das sage ich als Ethiker. Ich bin Assistent am Lehrstuhl für Ethik an der Theologischen Fakultät der Uni Leipzig. Als Ethiker fallen mir an dieser Geschichte Aspekte auf, die ich in drei Punkten zusammenfassen möchte:
1) Als Ethiker frage ich: Hatten die Menschen die Erkenntnis von Gut und Böse vielleicht schon, bevor sie vom Baum aßen? Als Gott den Menschen verbot, vom Baum zu essen, mussten sie mindestens schon verstehen können, dass das Erlaubte eher »gut« und das Unerlaubte eher »schlecht« ist. Ohne diese Minimalerkenntnis hätten sie gar nicht begreifen können, was ein Verbot überhaupt ist. Die Schlange überlistete die Menschen mit dem Satz: »Gott weiß: an dem Tage, da ihr davon esst, werden eure Augen aufgetan, und ihr werdet sein wie Gott und wissen, was gut und böse ist.« Möglicherweise lag der Schwindel der Schlange darin, den Menschen eine »neue« Erkenntnis anzupreisen, die sie bereits besaßen.
2) Als Ethiker fallen mir auch üble Formen der Erkenntnis von Gut und Böse ein, z. B. wenn Menschen meinen, definitiv zu wissen, welche Moral für alle Menschen die beste sei. Dies kann zu einem Klima der »Verfeindlichung« (Udo Di Fabio) führen: »Freund« und »Feind« werden nach einer bestimmten Auffassung von Gut und Böse sortiert. Moralische Überzeugungen zu haben, ist gut – keine Frage! Aber sie können ins unmoralische Gegenteil kippen, wenn sie sich nicht beschränken oder korrigieren lassen. Die Schlange hat eine treffende Vorhersage gemacht: Menschen, die überzeugt sind, über Gut und Böse definitiv Bescheid zu wissen, laufen Gefahr, sich wie Götter aufzuführen und wie göttliche Richter letzte Urteile für das Gut- oder Böse-Sein von anderen zu fällen.
3) Die paradiesische Menschheit endet damit, dass ihr der Zutritt zum Baum des Lebens verwehrt wird. Die nach-paradiesische Menschheit beginnt jedoch mit einer würdevollen Liebeserklärung: »Adam nannte seine Frau Eva; denn sie wurde die Mutter aller, die da leben.« Wer braucht noch den Baum des Lebens, wenn er mit der »Mutter aller, die da leben« zusammen sein kann? Als Ethiker möchte ich sagen: Die Erkenntnis von Gut und Böse mit einer großen Portion Liebe und Wertschätzung ist eine gute Basis für das Leben der Menschen unter nicht-paradiesischen Umständen.
Ihr Pfarrer i. E. Dr. Matthias Hofmann