von Prof. em. Dr. Jürgen Ziemer

Gastfreundschaft und Gemeinschaft

April 2025 | Südcafé Leipzig

Als 2015 aus der Bethlehem-Gemeinde die Idee für die Einrichtung eines Flüchtlingscafés in unseren Gemeinden aufkam, hat mich das sofort überzeugt. Die vielen Menschen, die aus Afghanistan und Syrien und bald auch weiteren Ländern zu uns kamen, in unserem Land und also auch hier bei uns in Leipzig aufzunehmen und anzunehmen – das konnte man nicht allein den zuständigen Behörden überlassen. Da musste die Zivilgesellschaft und mit ihr die Kirchgemeinden aktiv werden, um all den Geflüchteten nach ihren langen und teilweise sehr strapaziösen Wegen hierher ein Zeichen von Begrüßung und Willkommen zu geben. Bald kamen die Geflüchteten ins neu erfundene „Südcafé“, es fanden sich Helfende aus den Gemeinden, leitende Mitarbeiter:innen und bald auch eine geeignete Lokalität im Evangelischen Schulzentrum.

Ich war fast von Anfang an dabei, nicht immer regelmäßig. Oft war ich beeindruckt, zeitweise sehr engagiert, gelegentlich auch überfordert. Nie habe ich an der Sinnhaftigkeit dieser wunderbaren Einrichtung gezweifelt.

Statt einiges meiner Erfahrungen hier zu erzählen, möchte ich die Gelegenheit zum 10 jährigen Jubiläum nutzen, um als Theologe darüber nachzudenken, was für eine Art von Einrichtung dieses offene Café in der Schirmherrschaft zweier Kirchgemeinden eigentlich darstellt. Meine These ist, dass sich - soziologisch betrachtet – im Südcafé zwei unterschiedliche Sozialformen finden, dauerhaft miteinander verbunden: Gastfreundschaft (hospibility) und Gemeinschaft (community). Beides hängt zusammen und muss unterschieden werden.

Zunächst: Gastfreundschaft. Sie ist das erste, das notwendig ist, wenn Fremde kommen. In fast allen Kulturen und allen Religionen gibt es ein Gebot, ihnen ein Gastrecht einzuräumen. Im Einzelnen mögen die Sitten unterschiedlich sein. Aber immer geht es um Respekt gegenüber den „Fremden“ und die Wahrnehmung ihrer naheliegenden Bedürfnisse. Im Neuen Testament wird ausdrücklich von Fremdenliebe (philonexia) gesprochen. Wie Gastfreundschaft konkret aussieht, beschreibt ein Mönchsvater aus dem 4.Jh.: Wenn ein Fremder kommt „begrüße ihn mit froher Miene, umarme ihn und nimm ihm freudig das Bündel ab, das er trägt…Hüte dich davor, ihm überflüssige Fragen zu stellen und lade ihn zum Gebet ein. Nachher, wenn er sich gesetzt hat, erkundige dich, wie es ihm gehe, mehr nicht…“ Diese Anweisungen für Gastfreundschaft sind leicht zu übertragen: einen Fremden aufnehmen, keine überflüssigen Fragen stellen, aber sich erkundigen, wie es geht… Zum Wesen der Gastfreundschaft gehört, dass sie zeitlich begrenzt ist. Denn Gast ist, wer wieder geht. Das Südcafé ist zunächst ein Ort der „Gastfreundschaft“, des Empfangs. Eine Tasse Café miteinander zu trinken hat hohen Symbolwert. Gastfreundschaft ist wichtig und notwendig: das Südcafé muss offen sein für immer wieder neue Gäste. Und es sollte so bleiben.

Zugleich aber wird es, weil viele bleiben, etwas anderes: Ort von Gemeinschaft. Das ist mehr als Gastfreundschaft, nämlich nun auch ein Stück von Miteinandersein auf Zeit. Erlebt wird das im Südcafé zunächst als Sprachgemeinschaft. Die Sprache ist paradoxerweise zugleich das, was uns trennt und was uns verbindet. Nicht nur bei den Hausaufgaben des Deutschunterrichts lernen wir gemeinsam, sondern auch dann, wenn wir gewissermaßen „ohne Netz“ versuchen, einander etwas mitzuteilen und von einander etwas zu erfahren. Die Fremdheit der Herkunft fordert besondere Anstrengungen, Sprache zu finden – und eben das bringt uns näher; denn Sprache ist nicht nur Verständigung (intellektuell), sondern auch Berührung (emotional). Im Südcafé kann so die Sprachgemeinschaft auch in besonderer Weise zur Solidargemeinschaft werden. Denn natürlich ist allen Besuchern des Südcafés aus der Ferne und von hier bewusst, wie kontrovers der Umgang mit dem Ausländerthema in der deutschen Zivilgesellschaft diskutiert wird. Das Südcafé hat keine politischen und keine juristischen Instrumente. Aber es kann für jede einzelne Person ein Ort der Stärkung und Zuversicht werden: hier darf ich sein, hier finde ich Verständnis, hier erfahre ich Solidarität. Und das zeigt sich oft auch ganz praktisch durch Hilfe beim Umgang mit deutschen Behörden, bei der Wohnungssuche, bei der Vermittlung von fachlicher Beratung, bei gemeinschaftlicher Musik und fröhlichem Feiern usw.

Südcafé – Ort von „Gemeinschaft“! Vielleicht macht mancher auch ein Fragezeichen. Das ist gut verständlich. Es passiert schon mal, dass jemand sich übersehen fühlt. Gemeinschaft im Südcafé ist immer auch eine Herausforderung. Nur so kann es zu einer Brücke für das Leben im deutschen Alltag werden.

Wir feiern sein Bestehen nach zehn Jahren mit Dankbarkeit und mit Blick nach vorn.

Dank an alle, die hier mitwirken – vielfältig und hoch engagiert

Möge Gottes Segen auf dem Südcafé ruhen und alle seine Besucher auf ihren Wegen begleiten!

Professor Jürgen Ziemer lehrte Praktische Theologie u.a. an der Universität Leipzig und ist dem Südcafé mit seinem Engagement von Anfang an verbunden.