Erinnerungen an die Anfänge des Südcafés
Januar 2025 | Südcafé Leipzig
Erinnerungen an die Anfänge des Südcafés
Immer wieder hörten wir das in Pfarrkonventen oder im Gespräch mit kirchenleitenden Personen: „Da kommt was auf uns zu!“ Gemeint war eine größere Flüchtlingsbewegung, die dann auch tatsächlich 2015 in einem bisher nicht mehr da gewesenen Ausmaß bewältigt werden musste. Aber wir waren vorbereitet. In Stadtteilversammlungen wurde die Bevölkerung informiert und eingeladen mitzumachen. Es war eine Aufbruchstimmung zu spüren. Die Zivilgesellschaft war da und hellwach. „Wir schaffen das“ traf auch unsere Stimmungslage damals und es machte mich stolz, zu sehen, was wir tatsächlich miteinander schaffen konnten.
Gemeinsam mit der Andreasgemeinde gab es erste Beratungen. Schnell war klar, dass wir einen Ort der Begegnung und der Integration anbieten wollten. Die Idee des Südcafé war geboren. Das Gemeindehaus der Andreasgemeinde sollte ursprünglich die Heimstatt dieses Angebotes werden. Doch kurz bevor es losgehen sollte, sorgte ein Wasserschaden für den Totalausfall. Ein Gemeindeglied der Bethlehemgemeinde bot ihre Büroräume als Ersatz an und so öffnete das Südcafé in den Räumen der Korax-Akademie von Familie Latussek in der Schletterstraße am 27. Oktober 2015 das erste Mal seine Tore. Schon bald wurden diese Räume zu klein für die große Schar der Gäste und Ehrenamtlichen. Nach Gesprächen mit dem Evangelischen Schulzentrum konnte nun die direkt gegenüber liegende Mensa für das Projekt genutzt werden, die bis heute der Anlaufpunkt für das Südcafé ist.
Der Aufbau von Strukturen, einer Projektförderung, eine Stelle im Bundesfreiwilligendienst und die Deklaration zum kirchlichen Ort durch die Kirchenvorstände folgten. Ohne die zuverlässige Förderung des Projekts durch die Landeskirche und die Stadt Leipzig wäre eine Festigung und Weiterentwicklung des Konzepts nicht möglich gewesen. Wichtig war auch, dass der Kirchenbezirk mit Ramona Baldermann und der Ökumenischen Flüchtlingshilfe ein Netzwerk in die Stadt und Landeskirche schuf und so wichtige Lobbyarbeit und ganz praktische Unterstützung leisten konnte. Vom ersten Tag dabei auch Annegret Jopp, die nicht nur über lange Zeit zur guten Seele und späteren Leiterin des Projekts wurde, sondern deren Geduld und Beharrlichkeit einen wesentlichen Beitrag zur Beständigkeit des Südcafés leistete.
Wenn ich an diese Anfangsphase zurückdenke, dann staune ich, welche gesellschaftliche Kraft und Energie sich dort in so positiver Weise entfalten konnte. Und ich staune über den langen Atem, den das Südcafé bis heute bewiesen hat. Das wird auch in Zukunft wichtig bleiben und mit neuen politischen Vorzeichen noch wichtiger werden. Wieder ist die Migration zu einem Top-Thema geworden. Aber nicht mehr die Aufnahmebereitschaft und das nach wie vor starke Engagement der Zivilgesellschaft steht im Vordergrund, sondern die Fragen nach Begrenzung und Steuerung von Zuwanderung. Das sind ohne Frage wichtige Themen, auf die Politik – vor allem im europäischen Rahmen – menschenwürdige und praktikable Antworten finden muss.
Die kirchliche Stimme muss hier immer wieder zu einer differenzierteren Betrachtung der Fragen beitragen* und darf nicht müde werden, an den Zusammenhang von Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung zu erinnern. Die Klimakrise geht nicht weg, wenn wir die Grenzen dicht machen und auch die Anfragen an unseren unersättlichen Lebensstil, den sich diese eine Erde nicht leisten kann, lässt sich nicht mit Stacheldraht beruhigen. So bleibt das Thema Migration auf der Tagesordnung. Menschen fliehen vor Krieg und Gewalt oder sie wollen für sich das Recht auf Asyl in Anspruch nehmen. Schutz und Asyl sind unverhandelbare Grundlagen unserer Rechtsordnung. Aber auch anders motivierte Migrations- und Wanderungsbewegungen gab es schon immer.
Wer schwierigen Lebensbedingungen mit der Hoffnung auf eine bessere Zukunft und ein Stück Gerechtigkeit entkommen will, ist kein schlechter Mensch. Daran erinnert die Bibel, wenn es im zweiten Mosebuch (Exodus 22,20) heißt: „Darum sollt ihr auch die Fremdlinge lieben; denn ihr seid auch Fremdlinge gewesen in Ägyptenland.“
*vgl. dazu zum Beispiel das gemeinsame Wort von EKD und Deutscher Bischofskonferenz „Migration Menschenwürdig gestalten“ von 2021 (https://www.ekd.de/migration-menschenwuerdig-gestalten-68831.htm)
Christoph Maier ist Direktor der Evangelischen Akademie in Wittenberg und war bis 2020 Pfarrer der Bethlehemgemeinde im Leipziger Süden.