Auf eine Tasse Kaffee / Diakonisches Jahresprojekt
Ein Blick in ein Leben auf der Straße: Die interviewte Frau hat sich dankenswerterweise bereit erklärt, uns einen Einblick in ihren Alltag zu geben. Um ihre Privatsphäre zu schützen, wird ihr Name nicht genannt.
»Gib mal noch ’ne Tasse schwarzes Gift«, sagt sie und grinst breit. »Ich bin schon alt, aber Kaffee macht mir immer noch Freude.« Wie alt genau, das verrät sie nicht, aber auf jeden Fall alt genug, um schon gefühlte drei Leben gelebt zu haben. Das zumindest kommt mir nach unserem Gespräch in den Sinn.
Sie kommt aus einem kleinen Dorf in Sachsen-Anhalt. »Bis zur Wende war ich in der Braunkohle, da war ich zum Feierabend genauso dreckig wie heute.« Der Umzug in die Stadt sollte ein Neuanfang sein – doch dann ging ihr Mann, und mit ihm die Sicherheit. »Die Miete war plötzlich nicht mehr gezahlt, die Wohnung weg. Und ich? Ich hab’s erst gemerkt, als der Brief vom Gericht kam.« Zunächst kam sie noch bei Bekannten unter. »Aber das ging dann auch nicht mehr. Da bin ich auf die Straße gegangen.«
Ihre Hände sind rau, ihre Stimme ist ein wenig heiser geworden während unseres Gesprächs: »Ich komme nicht viel zum Reden, bin’s nicht gewöhnt … In der
Braunkohle habe ich gelernt, was harte Arbeit ist. Aber das Leben auf der Straße? Das ist noch mal eine ganz andere Härte.« Sie war ganz unten angekommen, obdachlos, schutzlos, perspektivlos. »Ich konnte und wollte auch nicht mehr. Die Leute von den Einrichtungen haben mich da rausgehauen. Die hören zu, die handeln, die lassen einen nicht fallen. Ohne die wär’ ich heute nicht hier.«
Sie erzählt dann noch eine ganze Weile weiter, darüber, dass die Nächte in Notunterkünften laut sind, über die Angst vor Übergriffen, und darüber, dass sie nirgends echte Ruhe findet. »Ein Bett für ’ne Nacht? Das ist kein Zuhause. Und ohne Perspektive? Da fühlt sich selbst der nächste Tag an wie ’ne Sackgasse. Unterm Strich, es ist scheiße. Da ist nichts schönzureden.«
Diakonisches Jahresprojekt
In diesem Jahr werden wieder Kollekten für das Diakonische Jahresprojekt gesammelt. Das Geld kommt Einrichtungen zugute, die Menschen in sozialen Notlagen wie Wohnungslosigkeit unterstützen. Weitere Informationen, u. a. zu den unterstützten Projekten, finden Sie unter GEMEINSAMES/Nachrichten/Kirche im Leipziger Süden.
Vikarin Kristin Sommerschuh