Bereichernde und nachhaltige Erfahrung
September 2025 | Südcafé Leipzig
Am 30.01.25 um 17:00 Uhr ging es los. Susen Seidel, Bassam Janineh und ich stellten das Südcafé der Jury des Leipziger Zukunftspreises in der Kategorie „Nachhaltigkeit“ vor. Wir hatten genau drei Minuten Zeit. In diesen Minuten das Südcafé, seine Arbeit und seine Nachhaltigkeit vorzustellen, ist ein hehres Ziel. Jetzt werden Manche sich fragen, was das Südcafé mit Nachhaltigkeit zu tun hat. Es ist doch keine Umweltorganisation. Das stimmt. Nachhaltig heißt, etwas langfristig so zu nutzen, so dass es sich nicht „abnutzt“ und verbraucht. Nachhaltig heißt aber auch, dass es anhaltend etwas beeinflusst und weiterbringt. Und das tut das Südcafé. Seit 10 Jahren werden Menschen dabei unterstützt, dass sie in Deutschland Fuß fassen, dass sie die deutsche Sprache lernen und dass sie verschiedensten Fragen Beratungen erhalten.
Ich will kurz erzählen, wie ich dazu gekommen bin als Ehrenamtliche im Südcafé mitzuarbeiten: Ich heiße Birgit, habe einen Mann und zwei Kinder, eine Katze und bin seit über 25 Jahren Berufsschullehrerin. Vor etwa 6 Jahren überkam mich die Lust, wieder mehr in der Gemeinde aktiv zu werden und die gewohnte „Blase“ zu verlassen. Da das Südcafé nach der Arbeit auf dem Nach-Hause-Weg lag, passte das. Anfangs kam ich nur dienstags und dann auch donnerstags. Und es sollte zu einer sehr bereichernden – nachhaltigen! - Erfahrung meines Lebens werden.
Schnell merkte ich, dass es nicht nur um Hilfe von „oben nach unten“ ging. Es ging um echte Begegnungen. Ich lernte Menschen aus den verschiedensten Ländern kennen; Länder, die ich erst mal auf der Weltkarte suchen musste. Menschen mit Schicksalen, die die Medien ständig erzählen und die irgendwann nicht mehr berühren, weil man abstumpft. Wenn aber der Mensch vor dir sitzt und dir von der Flucht und den Gründen, die ihn dazu trieben, erzählt, dann wird es plötzlich sehr real. Und diese Realität erdet. Eine der größten Erkenntnisse war, wie gut es mir selbst eigentlich geht. Diese Geschichten öffneten mir die Augen für Dinge, die ich vorher als selbstverständlich hingenommen hatte. Ich hatte nie meine Heimat, meine Familie und mein Hab und Gut verlassen müssen und somit auch nie Angst um mein Leben gehabt. Besonders bleibt mir ein Gespräch mit einer Ukrainerin in Erinnerung, die traurig von ihrem Mann, ihrem Sohn und ihrer Katze erzählte, die sie in Kyjiw zurückgelassen hatte. Mir wurde bewusst: Ich kann gleich zu Mann und Sohn nach Hause fahren – sie werden da sein und die Katze wird das Sofa besetzen. Diese Frau dagegen hat bis heute ihr Zuhause und ihre Familie nicht gesehen. Solche Begegnungen bringen mich nachhaltig immer wieder auf den Boden der Tatsachen zurück und zeigen mir, gerade in diesen Zeiten, in denen das Jammern in unseren Reihen groß ist, was ich alles habe.
Besonders beeindruckte mich auch die Entschlossenheit vieler Besucher*innen, Deutsch zu lernen. Einige sind noch nicht lange hier und haben schon erstaunlich gute Sprachkenntnisse. Andere tun sich schwerer. Besonders die, die erst noch schreiben lernen müssen, weil in ihren Ländern Alphabetisierung nicht selbstverständlich ist. Mir wurde auch schnell klar, wie viele deutsche Grammatikregeln ich erfolgreich vergessen habe. Was nicht schlimm ist, da mir die Besucher*innen oft sehr gut Akkusativ und Nominativ erklären können. Schwierig, nein, eigentlich eher sehr lustig, wird es, wenn gewisse Redewendungen hinterfragt werden: Wieso sagt man „tierisch kalt oder warm?“ – wo ist hier das Tier? So blicke ich durch Sprachlernende neu auf meine Sprache und fange auch an, manche Wörter und ihre Verwendung zu hinterfragen.
Es blieb nicht nur beim Zuhören oder Lernen. Mit einigen Frauen treffe ich mich ab und zu außerhalb des Südcafés. Sie gehören nun zu meinem Freundeskreis und bereichern dadurch mein Leben.
Zu guter Letzt nicht zu vergessen: die wirklich leckeren Kuchen, die Steffi immer backt und die wir genießen dürfen. Die finden sich (leider) auch nachhaltig auf meinen Hüften!
Birgit Habelt ist seit 2019 als Ehrenamtliche im Südcafé aktiv und Mitglied im Südcafé-Beirat.