von Albrecht Engelmann

2015 darf sich wiederholen

Oktober 2025 | Südcafé Leipzig

Seit dem Jahr 2015 erleben wir in Deutschland verstärkt, dass Menschen aus unterschiedlichen Ländern zu uns kommen. Die Motive dieser Zuwanderung sind sehr uneinheitlich. Fakt ist jedenfalls: Deutschland ist ein Einwanderungsland.

Dadurch wird die Gesellschaft vor Fragen und Herausforderungen gestellt, die auch an unserer Kirche nicht vorbeigehen. In Deutschland wurde Migration über Jahrzehnte hinweg vorrangig als Problem verstanden, nicht als globales Phänomen, das es zu managen gilt. Neben allem administrativen Regelungsbedarf geht es zuallererst um Lebenslagen von Menschen und die Verwirklichung der individuellen Menschenrechte.

Zugewanderte in unserem Lebensumfeld sind (auch) Botschafter globaler Verhältnisse und Missstände. Im Austausch mit ihnen kann konkret verstanden werden, was Migration verursacht, wie sie geschieht, welche individuellen Perspektiven gedacht werden und wie Gesellschaft und Politik dazu stehen.

Deshalb sind Initiativen für niedrigschwellige Begegnungsmöglichkeiten wichtig und beispielgebend, weil dort diese Gedanken ausgesprochen und verhandelt werden können. Unsere Kirchgemeinden sind Orte der Gastfreundschaft, des Kennenlernens, der Begegnungen und der Beteiligung. Im Austausch können weltweite Zusammenhänge und unsere (deutsche / europäische) Position als Krisenverursacher und Krisenverstärker konkreter verdeutlicht werden, als durch theoretischen Abgleich mit wissenschaftlicher Einsicht und die Kenntnisnahme von Mahnrufen.

Besonders in den letzten 10 Jahren haben wir eindrücklich erfahren, wie es ist, in einer zunehmend multipolaren und komplex vernetzten Welt zu leben. Schwerwiegende Veränderungen der Lebensverhältnisse vieler Menschen geschehen. Beispielhaft seien hier krisenhafte Auslöser genannt: die Covid-Pandemie, die Herausforderungen durch den Klimawandel, das wirtschaftliche Gefälle zwischen Reichen und Armen, Kriege und Terror, sowie Menschenrechtsverletzungen verschiedenster Art. Die spezifischen Auswirkungen werden u.a. durch die zunehmenden Flüchtlingszahlen aus aller Welt belegt. Ganz nah ist uns der Krieg gegen die Ukraine.

Diese Themen können nicht nebenbei im „Veranstaltungsmodus“ bearbeitet werden. Deshalb sind kontinuierlich zugängliche Begegnungsorte - wie das Südcafé - sehr wichtig. Im Grunde ist es so, dass sich mit dem Südcafé in Leipzig ein kirchliches Arbeitsfeld gebildet hat. Dies geschieht in einem Umfeld, in dem große Teile der Bevölkerung - und auch der Gemeindeglieder der Landeskirche - zwar die Notwendigkeit von Veränderungen sehen, aber noch keine aktive Haltung dazu aufbringen können und in gewohnten Verhältnissen verharren. Deshalb ist es angebracht, sich an den Enthusiasmus und die Stärke der #Willkommenskultur des Jahres 2015 zu erinnern und die Erfolgsgeschichte zu erzählen, die sich bis heute damit verbindet. Bei sachlicher Betrachtung kann auch Staunen aufkommen, wie die deutsche Gesellschaft bisher mit großen Migrationsereignissen umgehen konnte und welche Kraft wir in unserem Land weiterhin haben.

Das Südcafé hat sich entwickelt. Mitarbeitende haben Knowhow aufgebaut und Vernetzung organisiert. Menschen haben einen Platz für ihre Themen gefunden. Die Kirchgemeinde ist in der Stadtgesellschaft sichtbar. Deshalb gilt es: „2015 darf sich wiederholen“.

Albrecht Engelmann war bis 2025 Ausländerbeauftragter der Evangelischen Landeskirche in Sachsen.