Impuls

Ein paar Minuten Urlaub bei Gott

In meinem Flur hängt ein großer Kalender mit Bildern von heimischen Landschaften. Jeden Monat ein anderes Motiv. Dazu ein Spruch. Meistens passt er und holt mich sofort ab. Vor ein paar Tagen packte mich die Neugier, was mich wohl in ein paar Tagen für ein Bild und ein Spruch zum Monat Juli erwarten würden. Ich blätterte um und las. Mit Erstaunen ein zweites und drittes Mal. Trotzdem. Der Vers machte mich stutzig.

Sich täglich ein paar Minuten Zeit zu nehmen, ist in der Summe erholsamer als ein paar Tage Urlaub.

Ein paar Minuten am Tag Zeit nehmen. Und diese sollen so erholsam wie ein Urlaub wirken. Ich hatte Schwierigkeiten, mir das konkret vorzustellen. Denn ich wage zu behaupten, dass die Meinungen dazu, wie man ein paar Minuten Zeit als Zahlenmenge definieren könnte, weit auseinandergehen. Genauso, ob diese paar Minuten tatsächlich in der Summe den gleichen erwünschten Erholungseffekt erzielen, wie ein zwei bis dreiwöchiger Urlaub.
Urlaubsfacetten.
Endlich mal die Seele baumeln lassen.
Einen Raum finden.
Die Unruhe aussperren.
Zur Ruhe kommen.

Zeit ist wertvoll. Dabei geht es nicht um Zeit nehmen, sondern Zeit effizient nutzen. Morgens mit der Tasse Kaffee an den Computer gesetzt, schnell die ersten Mails gecheckt und parallel die Tageslosung überflogen. So ein Tag ist durchgetaktet, strukturiert, kommt als kleine Weltordnung daher.
Er nennt sich Alltag.
Morgens aufstehen.
Vielleicht frühstücken.
Schule, Uni, Arbeit.
Vielleicht Mittagessen.
Irgendwann am Abend dann definitiv essen, zwangsläufig.
Erholung kommt beim Schlaf.
Ein paar Minuten Zeit für Urlaub passen da nicht unbedingt rein.

Gott sei Dank hat die Woche einen Tag, an dem Zeit ist zum Ruhen – den Sonntag. Inspiration finden wir gleich am Anfang der Bibel. Am siebten Tag vollendete Gott das Schöpfungswerk, das er geschaffen hatte, und er ruhte am siebten Tag, segnete ihn und erklärte ihn für heilig (Gen 2,2f.).

Der Gottesdienst als geistlicher Urlaub, wöchentlich wiederkehrend. Menschen versammeln sich, um sich von der Liebe Gottes auffangen und für den Alltag auftanken zu lassen. Und dann heißt es wieder sechs Tage Zeiteffizienz. Unser Innerstes, unsere Seele, meldet sich nicht im anhaltenden Treiben des Alltags. Oftmals schenken wir ihr keine Beachtung.

Doch Gott gibt uns den Hinweis – quasi per Gebot (Ex 20,11) – unserer gestressten und alltagseffizienten Seele Ruhe zu schenken (Ps 62,2).
Nimm dir ein paar Minuten Zeit,
damit der Körper ruhen kann,
etwas anderes in dir zu Wort kommen zu lassen,
ein kleines Gebet zu sprechen,
ein meditatives Taizé-Lied zu summen,
die Blüte am Wegesrand intensiv zu betrachten,
den Glocken der Kirchen in unserer Gemeinde zu lauschen.
Ein paar Minuten Zeit, um einen Augenblick für die Seele zum Atemholen, einen Moment zum Innehalten – ein paar Minuten Zeit für einen Urlaub bei Gott.
Vielleicht kann man sich die Einladung des Kalenderspruchs ja doch annehmen.

Es schenke und begleite uns Gott,
für die täglichen Minuten,
an denen wir bei ihm Urlaub machen.
Amen.

Ihre Vikarin Claudia Gärtner