Impuls

April, April, der weiß nicht, was er will...

Nach meiner Erinnerung ist inzwischen während des ganzes Jahres April. Seit ungefähr zehn Jahren lassen sich die Jahreszeiten nicht mehr recht greifen. Zum Weihnachtsfest ist es wie Ostern und zu Ostern wie Weihnachten. Das Wetter schießt hin und her - unruhig und eigenwillig. Mit einer Meteorologin unterhielt ich mich einmal darüber. Sie sagte, dass es da einfach zu viele, unüberschaubar viele Faktoren gibt, die sich da jeweils auswirken, sodass es unmöglich ist, bestimmte konkrete Faktoren für dies und das verantwortlich zu machen. Und doch suche ich als Mensch nach einem Sinn - mitten im Wirrwarr. Doch ist es nicht immer angebracht, in das Wirrwarr einen Sinn hineinzutragen. In seinem Gedicht „Was mich bewegt“ ermutigt Rainer Maria Rilke, „das Fragen selbst lieb zu haben, wie verschlossene Stuben und wie Bücher, die in einer fremden Sprache geschrieben sind, um dann eines Tages allmählich und ohne es zu merken, in die Antworten hineinzuwachsen.“
April, April, der weiß nicht, was er will…! Das unberechenbar-wetterwendische, mit dem Menschen den April beschreiben, wirbelt sogar in gesellschaftlichen Themen herum. Besonders seit der Krim-Krise häufen sich meiner Wahrnehmung nach Dissonanzen in der zwischenmenschlichen Kommunikation, prallen Meinungen aufeinander wie zwei Wetterfronten, dass es kracht. Absurdes feiert Lobeshymnen. Inszenierungen haben Hochkonjunktur. Für Sachliches fehlt einfach die Zeit. Es gibt kaum etwas, worauf sich Menschen einigen können - aus freiem Willen - und ohne unter Druck gesetzt zu werden. Wie wäre es denn, wenn Menschen auch hier den Rat Rilkes ernst nehmen. Sie lernen die richtigen Fragen zu stellen. Sie beginnen, die Fragen selbst lieb zu haben, um mit der Zeit in die Antworten hineinzuwachsen.
April, April, der weiß nicht, was er will…! Für mich ist der April der Monat der Fragen. Er stellt Fragen: Lieber Sonne? Besser Regen? Etwas Sturm? Hat der April die Fragen lieb? In unserer neutestamentlichen Überlieferung wird eine besondere Frage im April gestellt - es ist eine Frage, die Menschen bis heute bewegt und hin und her reißt. Sie wird dem Statthalter Pontius Pilatus (Statthalter in Judäa von 26 bis 36 n. Chr.) in den Mund gelegt. Pontius Pilatus stellt diese Frage Jesus. Die Frage heißt: Was ist Wahrheit? (Joh 18,38) Jesus beantwortet diese Frage nicht. Bleibt er die Antwort schuldig? Es könnte auch sein, dass Jesus weiß: Manche Fragen gilt es lieb zu haben, wie verschlossene Stuben und wie Bücher, die in einer fremden Sprache geschrieben sind, um dann eines Tages allmählich, ohne es zu merken, in die Antworten hineinzuwachsen.

Ihr Pfr. Jörg Sirrenberg

Was wäre, wenn …

… du Gott JETZT eine kurze Nachricht schicken könntest. Gott eine einzige Frage stellen mit dem Handy per SMS oder What‘s App:

Was würdest du Gott gerne fragen?

Diese Aufgabe stand am Ende einer Unterrichtseinheit zum Thema Gott, die ich mit Pfarrerin Christiane Dohrn für Konfirmand*innen der 7. Klasse erarbeitet habe. Gemeinsam mit den Jugendlichen waren wir auf der Suche nach Gott in der Bibel. Wir haben im Alten Testament gelesen, wie Gott dem Propheten Eliah in Gestalt eines gastfreundlichen Engels erscheint. Und dann, steht in der Bibel,

… kam ein gewaltiger Sturm, (…) aber der HERR war nicht im Sturm. Nach dem Sturm kam ein Erdbeben, aber der HERR war nicht im Erdbeben. Nach dem Erdbeben kam ein Feuer, Aber der HERR war nicht im Feuer. Nach dem Feuer kam ein sanftes, feines Flüstern. (1. Kön 19,11f.)

Und in diesem sanften feinen Flüstern begegnet Eliah Gott.

Dann haben wir gelesen, wie Mose Gott in einem brennenden Dornbusch sieht und Gott ihm seinen rätselhaften Namen nennt:

Ich bin der ich bin – Ich werde sein, der ich sein werde.

GOTT* – der oder die? Haben wir weiter gefragt.
Können wir mit einem Gott, der vor allem männlich gedacht und beschrieben wird, überhaupt noch etwas anfangen? »Gott ist in allen und nichts Festes, eher ein Gefühl« – so beschreibt es ein Konfi.

Wir haben Gott als Schöpferin der Welt kennengelernt. Gott als Freund*in, mit dem oder der ich offen reden kann.
Wir haben Gott in unserer Lieblingsmusik gefunden. Und in der Natur, beim Spazieren.

Was die Jugendlichen über Gott denken, welche klugen Fragen Sie stellen bewegt mich sehr.
Zum einen habe ich das Gefühl, das junge Menschen wie diese 12/13 Jährigen in unserer Kirche viel zu selten zu Wort kommen. Meistens sollen sie zuhören – wann hören wir ihnen wirklich zu?

Gott ist ein Licht in der Nacht. Sie ist wie eine Naturgewalt, stark und unaufhaltsam. Dennoch kann Gott schön sein, Freude bereiten und ein Lächeln auf Gesichter zaubern.

Worte eine Konfirmandin – wer von uns Großen hätte das besser ausdrücken können?

Zum anderen merke ich, wie sehr es sich lohnt, immer wieder zu versuchen, »bei Null« anzufangen, gerade wenn es um Gott geht. Ich ertappe mich selbst dabei, wie ich Gott eingepackt und konserviert habe – so wie ich denke, dass er der Bibel nach, der Tradition nach, meinem Gefühl nach sein müsste. Ich möchte bei diesem einen Gottesbild bleiben.

Weil es mir Sicherheit, Gewissheit gibt? Weil es bequem ist?

Ich glaube, vor allem auch, weil es zeitaufwendig und sogar schmerzlich sein kann, das eigene Gottesbild infrage zu stellen.

Sag mal Gott, läuft hier eigentlich alles noch nach Plan? – wollte ein Konfirmand von Gott wissen.
In dieser Frage finde ich mich und vieles, was derzeit im Angesicht der von diversen Krisen durchgeschüttelten Welt diskutiert wird, wieder. Gott, der Weltenlenker, der nach Plan handelt und alles zum Guten wendet? Dieses Gottesbild gerät gerade mächtig ins Wanken.
Aber wo etwas ins Wanken gerät, stellen sich alte Fragen neu:

Gott, wer bist du eigentlich?

Ich habe mir vorgenommen, in der Fastenzeit, in den nächsten Wochen bis Ostern, genau dies zu tun.

Fragen zu lassen. Augen und Ohren, nein, alle Sinne aufsperren, und nachspüren, wo Gott, der größer ist als unsere Vernunft, so viel steht fest, mir – uns – begegnet.

Vielleicht bist du auch dabei, auch auf dieser Suche.
Und für unser gemeinsames Suchen können wir beten und einen Segen sprechen:

Schauender Gott, wo findest du mich?
Hörender Gott, wie höre ich dich?
Durch all meine Fragen gehst du mir nach und hältst behutsam die Sehnsucht wach.
Du bist ein Gott, der mich anschaut.
Du bist die Liebe, die Würde gibt.
Du bist ein Gott der mich achtet.
Du bist die Mutter, die liebt.

Susanne Brandt

 

Dieser schauende und hörende Gott segne dich und deine Fragen.
Amen

Charlotte Kalmakhelidze

Jesus Christus spricht: »Seid Barmherzig, wie auch euer Vater Barmherzig ist.«

Im Lukas-Evangelium fordert Jesus seine Hörer*innen auf barmherzig zu sein. Barmherzig sein. Was ist das eigentlich? Für mich als Vikar ist das klar wie Kloßbrühe. Wenn ich das jetzt meinen Kindern erklären müsste, würde ich sagen: Barmherzigkeit ist… Irgendwie ist das doch nicht so leicht. Eigentlich habe ich mir noch nie Gedanken darüber gemacht, was das eigentlich bedeutet. Ich grüble eine Weile und suche nach Synonymen. Aber irgendwie komme ich zu keinem zufriedenstellenden Ergebnis.

Letzter Ausweg der Duden. Als Synonym schlägt der Duden »Nachsicht« vor. Der Vorschlag gefällt mir. Das wäre auch ein Wort, das meine Kinder oder nichtreligiöse Freunde verstehen.

»Seid nachsichtig, wie auch euer Vater nachsichtig ist.«

Nachsicht üben. Das klingt nach einem guten Vorsatz für das neue Jahr.

Ich habe schon häufig versucht nachsichtig mit anderen zu sein. Aber ich musste schon oft genug feststellen, dass es schwierig ist nachsichtig zu sein. Vielleicht gehe ich einen Schritt zu weit, wenn ich mir vornehme nachsichtig mit anderen zu sein. Vielleicht sollte ich einen Schritt zurückgehen und erstmal nachsichtig mit mir selber sein.

Was? Nachsichtig mit sich selbst sein? Stellt man sich dann nicht selber in den Vordergrund? Rücksicht auf meine eigenen Grenzen nehmen.

Ich glaube nachsichtig mit sich selbst zu sein ist schon eine Herausforderung. Ich persönlich muss immer wieder feststellen, wie stark ich dem Leistungsdenken verhaftet bin.  Dabei erwarte ich nicht einmal von anderen möglichst viel Leistung zu bringen. Am stärksten nehme ich mich selbst in die Kritik. Es soll möglichst gut sein. Fehler muss ich unbedingt vermeiden. Im Beruf und im Privaten. Als Vikar möchte ich unterstützen und wenn ich schon mehr Zeit habe als die Pfarrer*innen, dann doch wenigstens einen bombastischen Gottesdienst abliefern.

Zu Hause möchte ich natürlich auch verständnis- und liebevoll auftreten. Aber wie gesagt. Dieses Ideal scheitert an der Realität. Im Endeffekt bin ich unbarmherzig zu mir selber. Wer mit sich selbst nicht im Reinen ist, kann auch keine Barmherzigkeit üben.

Wer nachsichtig mit sich selbst ist, kann die eigenen Grenzen besser einschätzen und die eigenen Bedürfnisse wahrnehmen. Nur wer die eigenen Bedürfnisse befriedigt, ist glücklich. Und wer glücklich ist, kann leichter Barmherzigkeit üben.

Ich finde die Jahreslosung lädt dazu ein mehr auf sich selbst zu achten. Zum Wohle des Nächsten. Diese Aufgabe ist gar nicht so einfach. Das Schöne ist aber: Ich bin frei darin zu entscheiden wie und wann ich barmherzig zu mir selber bin.

Marcus Koetzing

Seite 377 im Duden oder Erkranken – Erleiden – Erleuchten – Erloschen – Erlogen – Erlösen – Ermutigt

Von stud. theol. Eva Hohmuth

Seite 377 in meinem Duden
Sie ist gefüllt mit Worten des Lebens
Nicht alle sind schön, nicht alle sind leicht
Aber sie sind das volle Leben.
ERKRANKEN steht recht weit oben
Und doch möchte ich es verdrängen
Zu viel Krankheit ist um mich herum
Corona-Neuinfektionen, chronische Schmerzen, Einsamkeit
Die Leiden unserer Zeit
Wann ist es zu Ende? Wann überstanden?
So möchte ich klagen
Doch mein Kopf weiß:
Krankheit das war, ist und bleibt
Das Übel aller Menschheit
ERLEIDEN passt recht gut dazu
Es steht weiter unten auf Seite 377 in meinem Duden
Erleiden, erdulden, ertragen – passiv sein im Leben
Wo bleibt meine Macht? Woher kriege ich Kraft?
Mal lehne ich mich auf, mal resignier ich, und mal da schaff ich‘s und integrier‘ dich.
Und trotzdem: Den Sinn, den will ich gern wissen,
wohlwissend, dass ich immer wieder neu anfange zu suchen.
Da wären wir beim nächsten Wort: ERLEUCHTEN
Manchmal fällt ein Licht auf mein Suchen und Fragen
Dann weiß ich:
Das Leid hat einen pädagogischen Zweck
Ich lerne mich kennen und wachse an mir
Oder ich merke:
Ich muss nicht alleine tragen.
Ich bin mir gewiss: kein Leid, kein Schmerz ist Ihm fremd,
Jesus, dem großen Schmerzensmann, der weint,
weil er meinen Schmerz kennt.
Und dann auf einmal: Das Licht ist weg – ERLOSCHEN
Weil meine Antworten nicht mehr tragen.
Es ist doch zynisch, einem sinnlosen Geschehen Sinn abringen zu wollen…
Naja, vielleicht ist es auch einfach menschlich.
Wenn ich dann auf Seite 377 im Duden schaue, heißt es da: ERLOGEN
Ja, manchmal da fühlt sich jede Antwort so an.
Gott, gibt es dich überhaupt?
Erlogen der Trost, Erlogen der Sinn…
Ich bin wütend, weil ich es nicht verstehe
Und doch: ERLÖSEN steht auch auf der Seite des Dudens.
Jetzt fehlen mir die Worte. Denn wie könnte ich das beschreiben.
Erlöst ist, wer nach langer schwerer Krankheit endlich gestorben ist?
Erlöst ist, wer gespannt darauf gewartet hat, ob die Nachricht gut oder schlecht ist?
Erlöst ist, wer als religiöser Mensch nach seinem Tod im Himmel aufwacht?
Und dann heißt es da noch im Gebet: und erlöse uns von dem Bösen.
Eins wird mir klar: erlösen kann ich mich nicht selbst.
Ich brauche ein Gegenüber.
Ein Gegenüber, das mir den Rucksack voller Sorge und Leid von den Schultern nimmt,
das mir den Rucksack nicht wieder zurückgibt,
das die Trauer meiner Seele in Freude verwandelt.
Nicht im Jenseits, sondern hier und jetzt.
So gehe ich weiter – befreit und in leichtem Schritt, mit erhobenen Kopf dem Elend zum Trotz.
Kurz blick ich zurück und sehe
In vielen Momenten kam es mir schon entgegen, das Gegenüber.
Nun kann ich mit Hiob bekennen:
Aber ich weiß, dass mein Erlöser lebt. Und als der Letzte wird er über dem Staub sich erheben. […]
Ich selbst werde ihn sehen, meine Augen werden ihn schauen.
In diesem Vertrauen bin ich ERMUTIGT – das steht auch auf Seite 377.

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»Die hören einfach auf ...«

Martina Ewers beginnt im Kindergarten früh um sieben Uhr mit der Arbeit, so dass die Kleinen kommen können, wenn ihre Eltern zur Arbeit müssen. Die schlafen dann fast noch im Stehen, wenn sie abgeliefert werden. Ole fragt: »Kommen heut’ wieder die Glocken?« – »Klar.« sagt Martina. »Und falten wir dann wieder die Hände?« – »Natürlich.« Ole will die ganze Wahrheit: »Und beten wir dann auch wieder?« –»Ja, Ole.« Was Ole einfordert ist seit vier Wochen Ritus im Kindergarten: Wenn die Glocke der Kirche nebenan läutet - um acht und um zwölf Uhr, dann falten alle die Hände und beten - auch die Putzfrau und der Zivi – egal was sie grad tun: »Wo ich gehe, wo ich stehe, bist du, lieber Gott, bei mir. Wenn ich dich auch niemals sehe, weiß ich immer: Du bist hier. Amen«. Wenn man dann zusieht um acht, zeigt sich ein kleines Wunder.

Die Glocken gehen los, und es ist, als würde man einen Film anhalten. Alle bleiben stehen, die Kinder frieren ein in ihren Bewegungen, manche schließen die Augen. Man brabbelt vor sich hin, beim Frühstück im Raum wird im Chor gebetet. Die Kinder finden es reizvoll, alles zu unterbrechen und den heiligen Moment zu kosten. Selbst Frau Kaldewey, die Leiterin, hat neulich am Telefon ihr Gespräch unterbrochen und dem Verwaltungsbeamten aus dem Kirchenkreis am anderen Ende erklärt, man bete hier immer mit den Glocken, und sie werde jetzt kurz innehalten – zusammen mit den Kindern. Das hat Herrn Marquardt auf der anderen Seite der Schnur beeindruckt, er hat es in der Abteilung erzählt. »Die hören einfach auf!«, hat er zu seiner Kollegin gesagt, »mittendrin. Tun nix - beten nur. Verrückt.«

Er hat dann noch mal nachfragt bei der Kindergartenleiterin, was sie denn immer beten, die Kleinen. Sie hat’s ihm gemailt. Nun liegt dies einfache Gebet auf seinem Schreibtisch. Und es lässt ihm keine Ruh, bis er eines Tages rüberfährt und sich diese Zauberminute um zwölf Uhr anschaut. Sowas hat er noch nie gesehen. Wie sie alle dastehen, liegen, sitzen, Augen zu oder Ohren weit und brabbeln. »Die hören einfach auf«, denkt er.

Thomas Hirsch-Hüffell