Connewitz und Lößnig

Gemeindeblatt Connewitz-Lößnig

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Lesen Sie nun aus der aktuellen Ausgabe den Artikel zum Geleit.

 

Schnick, schnack, schnuck.
Schere, Stein, Papier.

Drei Gesten sind möglich, ein faires Spiel: Jede Ent­scheidung hat eine 50%-Chance, zu gewinnen. Oder zu verlieren: Die Faust (Stein) wird von der flachen Hand (Papier) um­schlos­sen, Zeige- und Mittel­finger (Schere) schneiden das Papier, und der Stein macht die Schere stumpf. Zeitgleich sausen zwei Hände durch die Luft. Ohne Brunnen! Ruft eine noch schnell. Denn der Brunnen würde das Spiel unfair machen, Stein und Schere versenken. Unentschieden: Zwei Fäuste stehen sich gegenüber. Eine Faust voll Haschen. Eine Faust voll Mühe. Kein Gewinn.

Ja, alles Haschen nach Anerken­nung, alle mühevolle über­eifrige Arbeit, hat keinen Gewinn. Wo Hektik und Anstren­gung regieren, geht das rechte Maß verloren. Und das Ziel gerät aus dem Blick. Genau­so aber führt es ins Leere, wenn wir beide Hände in den Schoß legen. So lenkt uns Kohelet auf den Vers hin, der als Monats­spruch für September ausgesucht wurde. Warum ist eine ausge­streckte Hand voll Ruhe besser als zwei Hände, die sich mühen? Kohelet schreibt: Fäuste. Ich sehe krampf­haftes Festhalten, Anstren­gung ohne Ende. Über­forderung. Dage­gen stellt der Vers eine Hand. Eine Hand voll Ruhe. Im Spiel ist klar, dass die Hand gewinnt. Ich stelle mir eine flache Hand vor, ausge­streckt, mit der Hand­innen­seite nach oben. Empfangend. Gefüllt. Viel­leicht auch tragend.

Wenn ich die voraus­gehenden Verse lese, wird klar: Es geht um die Work-Life-Balance. Es geht darum, Ruhe und Anstren­gung in Balance zu halten. Und sich nicht von einer – frag­würdigen – Moti­vation verleiten zu lassen, sich voll­ständig zu verausgaben. »Zeitgeist!«, werden wohl einige verzweifelt rufen. Manche werden vielleicht auch in das Gerede über Lifestyle-Teilzeit einfallen und über die jungen Menschen von heute schimpfen, die angeblich viel zu wenig arbeiten und nicht bereit sind, bis zur Erschöpfung zu arbeiten.

Zum einen wird der Zeitgeist-Vorwurf oft als »Argument« verwendet, eigene Posi­tionen vor Kritik zu schützen und sich nicht durch aktuelle Situa­tionen in Frage stellen lassen zu müssen. Zum anderen steht dahinter oft ein sehr ein­dimen­siona­les Vor­verständ­nis der bibli­schen Fülle. Das Wort des Predigers ist ein­deutig: Es ist nicht gut, sich zu verbrennen. Es führt nicht weiter, sich aus lauter Hingabe für eine Sache selbst zu vergessen. Besser ist es, sich mit weniger zufrieden zu geben. Das gilt sowohl für Arbeit, die materiell entlohnt wird (mit Dingen, die am Ende in der Hand zu halten sind), als auch für Engage­ment, das vielleicht keinen zählba­ren Lohn einbringt. Es gilt für frag­würdig moti­vierten Einsatz aus Gier oder Neid genauso wie für selbst­lose Hingabe aus Gottes- oder Nächsten­liebe.

Eine Hand voll mit Ruhe. Was ist mit der anderen Hand? Ich sehe sie spielend in den Wellen des Sees, schöpfend aus dem Brunnen der Gnade. Sehe sie segnend auf der Schulter der Nächsten. Schnick, schnack, schnuck – spielerisch leicht sausen die Hände durch die Luft. Zwei ausge­streckte Hände. Hände die einander finden. Unent­schieden? Nein. Win-Win!

Pfarrer Milo Reichl