Geschichte der Bethlehemgemeinde

Gründung der Gemeinde

Der »Weg nach Bethlehem« war dem stetigen Bevölkerungszuwachs zur Jahrhundertwende zu verdanken, was sich auch im zunehmenden Umfang der Gemeindearbeit im Leipziger Süden zeigte. Im Jahr 1910 war für das Einzugsgebiet der heutigen Bethlehemgemeinde noch ausschließlich die Andreasgemeinde zuständig. Zu diesem Zeitpunkt zählte die Gemeinde bereits 38.800 Mitglieder. Da aber aufgrund der regen Bautätigkeit im Gemeindegebiet von einem weiteren Bevölkerungszuwachs auszugehen war, stellte die Andreasgemeinde beim Kirchengemeindeverband Leipzig einen dringenden Antrag auf Teilung. Andernfalls wäre der Bedarf an Seelsorge und kirchlichen Amtshandlungen wie Taufe, Beerdigung und Trauung nicht mehr zu decken gewesen. Offenbar erkannte der Kirchenverband die Bedürfnislage ohne Weiteres an und unterstützte zügig die Neugründung einer Südgemeinde in Leipzig. Die Teilung der Parochie sollte zwar so schnell wie möglich vollzogen werden, gestaltete sich aber gar nicht so einfach. Einerseits musste die Kircheninspektion eine sinnvolle Teilung des Gebietes erarbeiten, andererseits mussten bei der Teilung der Parochie ausreichend Entwicklungs- und Erweiterungsmöglichkeiten der beiden Gemeinden berücksichtigt werden, so dass keine nochmalige Teilung notwendig werden würde. Der westliche Teil der Andreasparochie, vom Südplatz über die Kochstraße bis hinaus zur Kaiserin-Augusta-Straße (heute Richard-Lehmann-Straße), sollte als laufende Grenzlinie der neuen Gemeinde zugewiesen werden, die mit damals rund 14.000 Gemeindegliedern noch ausreichend Wachstumspotential bot.

Bereits zwei Jahre später, am 6. Januar 1912, kam es zur Gründung der Bethlehemgemeinde, die ihren Namen ihrer Gründung in der Weihnachtszeit zu verdanken hat. Im Rahmen einer kurzen gottesdienstlichen Feier wurde der Bethlehemgemeinde die »innere und äußere Weihe« verliehen und erhielt mit Lic. Heinrich Teichgräber (1857–1923) ihren ersten Pfarrer.

Trotz der Neugründung blieb jedoch zunächst alles wie gehabt. Beide Gemeinden trafen sich unter dem Dach der Andreasgemeinde, hielten dort ihre Gottesdienste und nutzten gemeinsam die vorhandenen Räumlichkeiten. Die Stadt überließ zwar der Bethlehemgemeinde kostenfrei als Patronatsgeschenk ein Grundstück zum Bau des Pfarr- und Gemeindehauses sowie einer Kirche an der Ecke Kronprinzenstraße (heute Kurt-Eisner-Straße)-Fockestraße, aber die damals existierenden Kirchbaupläne wurden bis heute nicht verwirklicht. Auch auf das eigene Pfarrhaus musste die Gemeinde noch viele Jahre warten.

Der geplante Bau einer Kirche konnte auf Grund von Beschwerden und später fehlender Finanzen nicht umgesetzt werden.
Der geplante Bau einer Kirche konnte auf Grund von Beschwerden und später fehlender Finanzen nicht umgesetzt werden.

Traum von der eigenen Kirche

Eine Gemeinde ohne Kirche – eigentlich undenkbar! Im März 1912 gab es bereits konkrete Vorstellungen und üppige Entwürfe für die Bebauung des Geländes. Der Kirchenvorstand war voller Visionen und plante unter anderem einen Kirchenbau mit 900 Sitzplätzen. Die Baukosten für die gesamte Anlage beliefen sich auf schätzungsweise 625.000 Mark. Außerdem erhoffte sich die Gemeinde von der Stadt als Patronatsgeschenk ein Grundstück von 6000 m² – am Ende sind es nur 2500 m² geworden. Der Stadtrat war inzwischen geteilter Meinung, inwieweit ein weiterer Kirchenbau tatsächlich notwendig sei, da die Gemeindegliederzahlen der Innenstadtkirchen bereits rückläufig waren.

Auch die Nachbarschaft war vom geplanten Kirchenbau nicht sonderlich begeistert und zog bis vor die kaiserlichen Gerichte, um den Bau zu verhindern. Zu groß war die Sorge der Anwohner, dass der geplante Kirchenbau die umliegenden Wohnungen in den Schatten stellen würde. Zum Glück konnte die oberste Instanz kaiserlicher Gerichtsbarkeit diese Klage abweisen, da alle Berechnungen und Zeichnungen die Befürchtungen der Anwohner nicht bestätigen konnten. Die Freude darüber war aber nicht von langer Dauer, denn mit Ausbruch des Ersten Weltkrieges und dessen Folgen, hatte die Gemeinde aufgrund mangelnder finanzieller und materieller Mittel wieder keine Möglichkeit, den Kirchenbau in Angriff zu nehmen. Als man 1938 nun endlich loslegen wollte, legte die Stadt Leipzig plötzlich ein Veto ein, in dem sie keine Baugenehmigung erteilte. Aus dem Rathaus verwies man auf die Fockestraße, die zu einer Hauptverkehrsader ausgebaut werden sollte, sodass der geplante Kirchenbau die Sicht im Kreuzungsbereich behindern würde. Aus der Traum. Schon wieder. Einmal noch flackerte ein Fünkchen Hoffnung auf. Nach dem Zweiten Weltkrieg war die Andreaskirche komplett zerbombt und alle Gottesdienste fanden nun im Gemeindesaal der Bethlehemgemeinde statt. Anlass genug, um also noch mal über den Kirchenbau nachzudenken. Diesmal verweigerten aber die kirchlichen Behörden ihre Zustimmung für das Bauvorhaben. Was man gestattete, war lediglich der Bau eines Glockenturms neben dem bestehenden Gemeinde- und Pfarrhaus, der 1953 eingeweiht wurde.

Heute ist der Schmerz über die nicht vorhandene Kirche vielleicht nicht ganz vergessen, aber die Gemeinde ist vor allem dankbar: Zum einen für den schönen Kirchsaal mit seiner besonderen Wohlfühl-Atmosphäre und zum anderen für die grüne Wiese, die mit dafür sorgt, dass das gesamte Grundstück ein »grünes Juwel« mitten in der Südvorstadt ist, das für Freiluftgottesdienste und für die Angebote für Kinder und Jugendliche rege genutzt wird.

Bau des Gemeindezentrums

Die Gemeinde lernte damit umzugehen, über keine eigene Kirche zu verfügen, aber dass auch die Pfarrwohnungen, die Kanzlei und Treffpunkte der Gemeindekreise über das das gesamte Gemeindegebiet verstreut waren, blieb eine Zumutung. Als Anfang 1922 auch noch die Vermieter der bestehenden Räumlichkeiten mit einer Kündigung drohten, musste intensiv an einer Lösung gearbeitet werden. Fest stand, dass die gewünschte Bebauung auf dem von der Stadt gestifteten Grundstück so schnell nicht realisierbar war. Die Gemeinde bewarb sich also für zwei Immobilien, die zum Verkauf standen, aber hatte beide Male das Nachsehen. Aus heutiger Sicht ein großes Glück, denn aus der Not heraus musste die ursprüngliche Planung zur Bebauung des Grundstücks wieder aufgenommen werden. Auch vor dem Hintergrund der sich schnell ändernden politischen Situation, hatten sich doch die Mehrheitsverhältnisse im Stadtrat zugunsten der Kommunisten geändert. Deren kirchenkritische Einstellung und zu erwartenden Restriktionen waren dem Kirchenvorstand bewusst und die Angst groß, dass die Stadt das Grundstück zurückfordern könnte.

Für den Bau des Gemeinde- und Pfarrhauses wurde der Architekt und Baurat Theodor Kösser beauftragt, der sich u.a. mit dem Bau der Mädlerpassage und des Königlich-Sächsischen Landgerichts in der Bernhard-Göring-Straße einen Namen gemacht hatte. Gemeinsam mit seinem Sohn Fritz, der zum Regierungsbaurat ernannt worden war, realisierte er die Bebauung des westlichen Grundstücks. Die östliche Fläche ließ man für einen Kirchenbau frei, denn der dieser Traum schwang weiterhin mit. Es entstand ein geräumiges Gemeindehaus mit ausreichend Platz für alle Gruppen und einem großen Saal für Gemeindeveranstaltungen. Dem Gemeindehaus schloss sich nahtlos das Pfarrhaus an und berücksichtigte ausreichend Platz, um den beiden Pfarrstelleninhabern, dem leitenden Verwaltungsbeamten, dem Küsters, dem Hausmeister und dem Heizer Wohnraum zu bieten und zugleich die Kanzlei zu beherbergen.

Am 16. August 1926 konnte der offizielle Grundstein gelegt werden und schon ein reichliches Jahr später, am 30. Oktober 1927, fand die feierliche Einweihung statt. Trotz des zügigen Baugeschehens, wurde auf die Umsetzung zahlreicher Details geachtet. Über der Kanzlei wurde das Relief des segnenden Christus angebracht und über dem Eingang des Pfarrhauses entschied man sich nach eingehender Diskussion mit dem Deutschen Sprachverein für die »FREUD UND LEID TÖN´HIER HEREIN UND SOLL MITEMPFUNDEN SEIN«. Über dem Altarraum des Kirchsaals prangte die Aufforderung: »DIENET DEM HERRN MIT FREUDEN«.

Der Architekt Friedrich Lutz stiftete 1928 den Fensterflügel »Jesus und Maria« und ein Jahr später auch den zweiten Flügel, »Jesus und Martha«. Im Mai 1928 schenkte Max Köhler aus der Fichtestraße der Gemeinde nachträglich zur Gemeindehausweihe ein Altarbild. Es war eine Kopie des Bildes »Kreuzigung« des Münchner Malers Franz von Stuck. Albert Walther, später Direktor der staatlichen Akademie für Kunstgewerbe, malte die biblischen Szenen im Gemeindesaal. Leider verschwanden diese bei der Renovierung in den siebziger Jahren unter weißer Farbe.

 

Die Bausumme von fast einer halben Million Reichsmark wurden durch Darlehen der Stadt und des Landeskonsistoriums zur Verfügung gestellt und konnten bereits 1958 getilgt werden. Die übrige Summe steuerte der Leipziger Kirchgemeindeverband bei. Für die Instandhaltung des Gebäudes sind bis heute Bau- und Renovierungsarbeiten notwendig. Oft sind es handwerklich geschickte Gemeindeglieder, die diese Arbeiten in ihrer Freizeit unentgeltlich errichten. Hauseigentümer zu sein geht mit einer großen Verantwortung einher und bedeutet bis heute für den Kirchenvorstand immer wieder den Weitblick für die Zukunft zu schärfen und den richtigen Ton zu treffen. Sei es in Hinblick auf bauliche Veränderungen, um die Heizungs- und Energieversorgung zu gewährleisten als auch im Umgang mit den verschiedenen Mietern des Pfarrhauses. Denn natürlich menschelt es auch im Haus des Herrn. Wer aber einmal einen Gottesdienst unter freiem Himmel im Garten der Bethlehemgemeinde mitgefeiert hat, begreift diesen besonderen Ort mehr als vielleicht an allen anderen Tagen im Kirchenjahr.

Gott hat ein Haus gebaut und mit der Bethlehemgemeinde hat er es auf seine ganz besondere Weise getan. Es ist nicht »die Kirche« geworden, von der viele geträumt haben, kein herausragend sichtbarer Kirchturm, keine opulenten Glasfenster oder vielschichtigen Wandmalereien. Kein Kreuzgang, in dem man sich verlieren kann, kein Altar, vor dem man meterweit entfernt andächtig stehen bleibt. Nein, Bethlehem ist wahrhaft eine Herberge inmitten der Stadt geworden. Nahbar und mitten unter den Menschen, so wie Gott wohnen will.